2002
Eröffnung
Günese Yolculuk
In Günese Yolculuk (Reise zur Sonne) hat die türkische Regisseurin
Yesim Ustaoglu in langwierigen Dreharbeiten mit militärischen
Interventionen gleich mehrere Themen aufgegriffen, die in ihrer Heimat
eigentlich tabu sind. Sie redet von Kurdistan, sie zeigt Aufnahmen von
staatlicher Gewalt, und sie macht auf bewegende Art vor allem eines deutlich:
Frieden ist dann möglich, wenn man sich wechselseitig ernst nimmt und
akzeptiert. Um den anderen zu respektieren, müsste man sich bewusst
werden, dass man an den meisten Orten dieser Welt ein Fremder, eine Fremde ist
und man genauso gut in der Haut des anderen stecken könnte.
Xiao Bai Wu Jin Ji
Die chinesische Regisseurin Vivian Chang richtet einen tiefsinnigen und
hochsensiblen Blick auf die Schlüsselmomente im Leben einer Frau. Zuerst
baut sich das kleine Mädchen eine Phantasiewelt auf, um das harte
Familienleben im Alltag zu ertragen. Als Jugendliche entwickelt sie
Fluchtmechanismen. Und als junge Frau füllt sie die Leere ihres Lebens mit
zahlreichen Liebhabern. Nach und nach kommt ein Versönungsprozess in Gang.
Es ist auch die Identitätssuche einer Gesellschaft, in der Männer
feige sind, einen Hang zur Gewalttätigkeit haben und manchmal auch
verträumt wirken. In ihrem ersten Spielfilm setzt Vivian Chang auf eine
sehr persönliche Ästhetik. Mit Leichtigkeit wechselt sie von
zunächst surrealistischen Einstellungen zu einem dynamischen und
militanten Stil, um schließlich mit statischen, langsam montierten und
fixen Bildern zu enden. Sie lässt uns auf diese Weise das heimliche
Flüstern eines kleinen Mädchens und einer nach Reife suchenden Frau
wahrnehmen. Ein sehr sinnlicher Blick aufs weibliche Leben.
Kosh ba Kosh
Mira, eine junge Frau aus Russland, kommt nach Duschanbe, der Hauptstadt von
Tadschikistan, um ihren Vater zu besuchen, einen Spieler, der oft verliert und
schließlich sogar Mira an einen alten Mann verspielt. Doch Daler, ein
junger Mitspieler, verliebt sich in Mira und entführt sie ganz einfach in
seine ziemlich schräge Welt. Daler ist nämlich Chef der
örtlichen, durch und durch vergammelten Luftseilbahn. Seine verblichen
gelben Kabinen taugen für jede Fracht: Touristinnen und Touristen genauso
wie für Heu, Bierkisten, Diebesgut und sogar als Liebeslaube für
luftige Schäferstündchen.
Gánh Xiêc Rong
Dieser eindrüiche Film lasse sich in punkto Form, Gefühlskraft und
Menschlichkeit nur mit Fellinis "La strada" vergleichen, lobte ein bekannter
Kritiker am Festival von Freiburg, Schweiz, wo Ngguyen Viet Linh 1992
einstimmig den Großen Preis zuerkannt erhielt. Und doch folgte die
unvergessliche Geschichte der 40jährigen Vietnamesin jener
großartigen Einfachheit, die heute nur noch orientalische oder
fernöstliche Länder hervorbringen. Vom ersten Moment an packt die
Intensität, mit der die Geschichte des Jungen Dat und seiner Schwester
erzählt wird. Beide leben mit ihrem ewig betrunkenen Vater in einem
kleinen Dorf in den Bergen. Eines Tages taucht ein Wanderzirkus auf. Dat
freundet sich mit dem Mädchen vom Zirkus an; er hofft hinter den Trick zu
kommen, mi dem die Gaukler aus einem leeren Korb plötzlich Reis für
alle zaubern. Könnten Dat und seine Schwester, könnten all die
hungernden Menschen fortan durch dieses unfassbare Wunder immer ausreichend zu
essen haben? Dat wird bitter enttäuscht: alles war nur Schwindel und
fauler Zauber.
Filmgespräch mit Kurt HofmannGeplant sind Reflexionen der gezeigten Filme mit dem Wiener Filmkritiker Kurt Hofmann. Safar e Ghandehar
Die junge Kanadierin Nafas (Niloufar Pazira) wurde in Kandahar geboren und
flüchtete mit ihrer Familie als sie 16 war. Doch nun, einige Jahre
später, muss sie sich wieder in ihre Heimat aufmachen, um ihre Schwester
zu retten. Diese plant, sich bei der letzten Sonnenfinsternis des Jahrtausends
(der Film spielt 1999) umzubringen. Aus diesem Grund wird Nafas als dritte Frau
eines Bekannten vom Irak nach Afghanistan einreisen, denn nur so, und mit der
lebenswichtigen UNO-Fahne, kann sie es schaffen. Als die Familie überfallen
wird und in den Irak umkehrt, macht sich Nafas allein auf. Was sie auf sich
allein gestellt noch alles bewerkstelligen kann, ist zugleich verblüffend
und traurig.
Fest für Freunde III
Am Sonntag vormittag findet zum dritten Mal das Fest für Freunde, heuer in Form eines Frühschoppens, statt. Mosa Sisic wird für uns spielen und einige unserer ausländischen Freundinnen und Freunde werden uns mit Köstlichkeiten aus ihrer Heimat verwöhnen. Mit dem Fest für Freunde möchten wie Einheimischen und ausländische Mitbürgern die Gelegenheit geben, sich kennenzulerenen und in einem gemütlichen Rahmen miteinander ins Gespräch zu kommen. Wie mit den Filmen auch, wollen wir damit Interesse und Verständnis für die Situation und Kultur des jeweils Anderen wecken. Lassen sie sich überraschen, welche Vielfalt an Menschen und Kulturen es in Amstetten und Umgebbung gibt. Und selten ist es einfacher diese Vielfalt kennenzulernen als beim Fest für Freunde. Hasen no malice
Schnelle Finger an einem elektronischen Schnittplatz bereiten für die
angriffslustige News-Sendung "Neun vor zehn" der privaten Fernsehstation die
Bilder zu, damit die Sache zugespitzt wird, wie das die neue Medienwelt
schätzt. Yoko Endo ist eine hochtalentierte Cutterin, die ihr Metier im
Schlaf beherrscht und es immer mal wieder geschafft hat, In allerletzter Sekunde
einen Beitrag bereit zu stellen und erst noch so, dass er ein großes
Entlarvungspotential hatte. Auch jetzt überführt sie durch einen
simplen Bildschnitt einen Familienvater nicht irgendeiner Unterstellung, nein:
Er soll hinter einem Mord stecken. Ein Anflug von Lächeln in seinem
Gesicht genügt. Satoshi Isaka hat sich bereits in seinem ersten Spielfilm
"Focus" mit der Medienwelt auseinandergesetzt. Jetzt gestaltet er in Form
eines Thrillers ein Stück Anschauungsunterricht, zeigt, was mit der
Wahrheit geschehen kann, wenns eilt. Der Film bietet ein Lehrstück
darüber, wie die Bilder und Montagen in der alltäglichen
Fernseharbeit entstehen, was die Bedingungen sind, unter denen Fernsehen heute
weltweit gemacht wird.
Meili xin shije
Ungewohnt lockeres Kino aus China, eine erfrischende Komödie aus Schanghai.
In Form einer einfachen Ballade, ironisch erzählt, lehnt sich der Film an
den Suzhou-Stil der traditionell gesungenen chinesischen Epen an. Baogen ist
ein Mann vom Land mit bewährten Moralvorstellungen, der hart arbeitet, um
sich ein neues städtisches Leben aufzubauen und um das Herz seiner
scharfzüngigen Tante zu gewinnen. Eine wunderbare neue Welt wirft einen
aufschlussreichen Blick auf das zeitgenössische, sich verändernde
China und auf den Gegensatz und die Konfrontation von Materialismus,
Kapitalismus, traditionellen Werten und menschlichem Begehren.
Subarnarekha
Die Teilung Bengalesns im Jahr 1948 bildet den Hintergrund des Films
"Subarnarekha" von Ritwik Ghatak. Millionen von Menschen haben damals durch
die Flucht ihren Halt verloren, Familien sind auseinander gebrochen, der
Verzweiflung der Erwachsenen steht die von Schuld und Korruption noch
unversehrte Sehnsucht der Kinder gegenüber. Dem Filmemacher Ghatak gelingt
es, seinen dichterischen Visonen eine universelle Dimension zu geben: Die
Vertriebene verschmelzen mit all jenen Flüchtlingen, die damals und heute
vor dem Leben zurückwichen. Gleichzeitig erinnern Tagores Lieder daran,
den Glauben an den Menschen nie zu verlieren. Während 1965 die Jugend den
Film förmlich verschlang, ließ die Filmindustrie Ghatak fallen; er
konnte elf Jahre keinen Film mehr drehen.
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