Der Verein SüdFILMfest
Filme aus den EU-Beitrittsländern



Anlässlich der EU Osterweiterung hat sich der Verein SüdFILMfest vorgenommen, auch einen kulturellen Blick auf unsere neuen Nachbarn zu werfen und so zu einem besseren gegenseitigen Verständnis beizutragen. In Zusammenarbeit mit dem Kulturamt Amstetten, Arbeiterkammer und Gewerkschaft beginnen wir mit folgendem Film:

A Tanfolyam (Der Kurs)
Land: Österreich
Jahr: 2004
Regie: Peter Wagner
Produktion: Peter Wagners Eros Kadaver Film / Interregionaler Gewerkschaftsrat
Länge: 94 Minuten
Originalsprache: Ungarisch/Deutsch
Untertitel: d/u

A Tanfolyam

(Der Kurs)

Donnerstag, 23. September, 20:00
Saal der Arbeiterkammer in Amstetten
(Österreich/Ungarn, 2004, Deutsch/Ungarisch OmU)

Der Kurs ist ein Film über je sechs Jugendliche aus Österreich und Ungarn nahe jener Grenze, die über viele Jahrzehnte Ost und West trennte. So unterschiedlich die Welten, in denen sie erwachsen werden, auch sein mögen: gemeinsam teilen sie das Schicksal, schon als sehr junge Menschen mit dem Phantom „Arbeitslosigkeit” Bekanntschaft machen zu müssen. Aus diesem Grund besuchen sie einen oder mehrere jener Kurse, die ihnen Hilfestellung bei der Suche nach einem Job anzubieten versuchen.

In unverhohlener Offenheit geben die jungen Menschen aus dem Südburgenland und aus Westungarn ihrem derzeitigen Lebensgefühl Ausdruck. Am Vorabend der EU-Erweiterung stehen sie buchstäblich an jener Grenze, deren politische Überwindung genauso mit Hoffnungen und Wunschdenken verbunden ist wie mit irrationalen Ängsten und berechtigter Skepsis. Allen jedoch ist der Traum von Selbstverwirklichung und Wohlstand gemein, alle sind vom Glauben erfüllt, das eigene Schicksal meistern zu können.

Über jeden Appell an die Zuseher hinaus, das Schicksal junger Menschen ernst zu nehmen, ist DER KURS ein Film über die Kultur des Heranwachsens am Beginn des 21. Jahrhunderts.




Chris

Im Dokumentarfilm „Der Kurs” geht der Autor und Regisseur Peter Wagner der Frage nach, mit welchem Selbstverständnis und Bewusstsein Jugendliche im Jahr 2004 in politisch, wirtschaftlich und kulturell (noch) unterschiedlichen Grenzgebieten wie dem Burgenland und Westungarn ihr Leben in Angriff nehmen. Das Burgenland ist die äußerste Ostgrenze des Schengenlandes und spürt heute bereits sehr deutlich die Auswirkungen der für 2004 endgültig zum Vollzug angetretenen „Osterweiterung” der EU – meist in positiver Weise, wie es aus der allgemeinen Stimmungslage der Bevölkerung abzuleiten ist. Dennoch betrachtet gerade die Jugend diese Entwicklung in einem überproportional hohem Ausmaß mit Skepsis und Ablehnung, speziell jene mit niedrigem Bildungs- bzw. Ausbildungsgrad. Und wie sieht es mit den jugendlichen Arbeitslosen auf der anderen Seite des einstmaligen Eisernen Vorhangs aus? Peter Wagner lässt die Jugendlichen von beiden Seiten buchstäblich über die Grenze auf die jeweils andere Seite schauen und ihre Gedanken und Gefühle reflektieren.

Tibor

Im Dezember 2002 führte der Autor und Regisseur die ersten Interviews mit Jugendlichen eines AMS-Kurses in Oberwart. Die meisten der dort versammelten jungen Leute haben Probleme bei der Suche nach einem Job. Bei manchen vermengt sich das Jobproblem mit einer schwierigen Kindheit in einem sozial problematischen Umfeld, was durch manchmal unrealistische Vorstellungen von zukünftiger Karriere kompensiert wird. Die Realität schaut schon bei der ersten Kontaktnahme mit dem avisierten Berufsziel ernüchternd anders aus: dem ersten Ablehnungsschock folgt zumeist eine Phase der Niedergeschlagenheit und Depression, in der die meisten jedoch ihren Traum von einem Leben in Wohlstandes, Glück und Gesundheit aufrecht erhalten und sich noch weit mehr an diese Vision klammern als Jugendliche, die in vermeintlich gut funktionierenden Familien aufwachsen und einem Universitätsstudium bzw. einem aufgrund qualifizierter Ausbildung winkenden Job entgegen sehen.

In einer zweiten Drehstaffel ein halbes Jahr später, also im Juni/Juli 2003, wurden dieselben Jugendlichen zu Erfolg oder Misserfolg ihrer Bemühungen um einen Job seit Ende des Kurses befragt. Gleichzeitig entwickelten sich intime filmische Portraits von sechs burgenländischen Jugendlichen, denen sechs ungarische jugendliche Arbeitslose gegenüber gestellt wurden. Der Zuseher nimmt Einblick in die Persönlichkeit von jungen Menschen, deren Schicksal sich jetzt entscheidet: Gestalter oder Gestaltete der Zukunft zu sein. Hinterfragt wird ihr Verständnis von Gegenwart, Zukunft, Demokratie, Leben. Das sich daraus ergebende Bild ist ein Spiegelbild dessen, was den Zustand der gegenwärtigen Gesellschaft und den von ihr eingeschlagenen "Kurs" betrifft.

Über jeden Appell an den Zuseher hinaus, das Schicksal junger Menschen ernst zu nehmen, ist DER KURS ein Film über die Kultur des Heranwachsens am Beginn des 21. Jahrhunderts.

Was das Projekt „Der Kurs” jedoch zu einem nachhaltigen Werk werden lässt, ist die Absicht des Regisseurs, es durch weitere Filme in zwei, fünf und zehn Jahren zu einer Dokumentation über gesellschaftliche Entwicklungsprozesse anhand konkreter Schicksale ausreifen zu lassen. Die selben Menschen aus Österreich und Ungarn werden in ihrer individuellen Entwicklung gezeigt, in ihrem Erwachsenwerden und der ihnen eigenen Art, das Leben zu verstehen und in Angriff zu nehmen.




Junge Arbeitslose hüben und drüben

„Der Kurs” – ein grenzüberschreitendes Filmporträt aus Österreich und Ungarn

Peter Wagner, Nicole und Mario (von rechts)
Der burgenländische Regisseur Peter Wagner (im Bild rechts) mit Nicole und Mario, zwei der Mitwirkenden in seinem Film „Der Kurs / A tanfolyam

Ozlip/Uzlop - Hätte der ORF in Ansätzen noch jene Programmgesinnung, die ihn berechtigte, Gebühren einzuheben, Peter Wagner hätte längst schon sein Eckerl dort. Und das nicht nur – aber sehr wohl auch – weil es dem schreibenden und filmenden Querkopf aus dem Südburgenland immer wieder gelingt, „die Aufmerksamkeit auf die Realität zu lenken”, wie es der ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch am Dienstagabend in der Osliper Cselley-Mühle beschrieb, wo Peter Wagners neuester Film vorgestellt wurde.

„Der Kurs” heißt er. Die Hauptdarsteller sind zwölf junge Menschen, denen es nicht oder nur sehr mühsam gelingt, im arbeitsamen Erwachsenenleben Fuß zu fassen. „A tanfolyam” heißt der Film auch. Denn sechs dieser arbeitslosen Jugendlichen leben in Ungarn. Und so wurde der Film – gedreht unter der Patronanz des ÖGB und seines grenzüberschreitenden Arms, des Interregionalen Gewerkschaftsrates – auch zu einem einfühlsamen Porträt zweier benachbarter Grenzlandstriche, ein paar hundert Stunden vor dem endgültigen Vollzug der EU-Erweiterung.

Die jungen Menschen – von denen in allen wirtschaftspolitischen Deklarationen so inbrünstig die Rede ist, kommen sehr unprätentiös zu Wort: Voll Hoffnung, no na, aber über der liegt eine dicke Schicht Furcht. „Eine gewisse Verlorenheit” nennt es Peter Wagner, „die stellt sich für mich als die Vorbereitung auf eine neue Einsamkeit dar, der sich die globalisierte Gesellschaft in Zukunft stellen wird müssen.”

Dass die Grenze, in deren Nähe sie leben, demnächst keine mehr sein wird, ist etwas, was die Jungen nur en passant zur Kenntnis nehmen. Auf der österreichischen Seite wird, der dumpfen Argumentation der Erwachsenen folgend, die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt gefürchtet. In Ungarn das ökonomische Übergewicht der „Ausländer”, was eine sehr konkrete Furcht vorm Erweiterungsschritt zur Folge hat. Der 21-jährige Tibor aus Szombathely drückt das mit einer in Ungarn nicht seltenen Mischung von Selbstmitleid und Pragmatismus aus: „Es ist besser jetzt Angst zu haben, als sich nachher zu schrecken.”

Tamás Wittich, ungarischer Gewerkschaftspräsident, sieht durchaus Grund für die Angst und den Schrecken. „Wir erleben gerade jenen Strukturwandel, der in Österreich vor rund zehn, fünfzehn Jahren stattgefunden hat. Das Kapital, das billig produzieren wollte, zieht weiter. Jetzt brauchen wir eine Qualifikationsoffensive.”

Leicht gesagt, schwer getan. Der Film heißt nicht umsonst „Der Kurs”. Peter Wagner hat die zwölf jungen Menschen bei Weiterbildungsseminaren kennen gelernt. Ob die helfen, wird Wagner später erzählen. In zwei Jahren soll „A tanfolyam” fortgesetzt werden.

© Wolfgang Weisgram, DER STANDARD, 22. 1. 2004



Peter Wagner

Peter Wagner

Geboren, aufgewachsen, wohnhaft im Südburgenland.

Freischaffender Autor und Regisseur.

Etwa 25 Bühnenstücke, u.a. im Volkstheater Wien, Landestheater Kiel, Theater mbH Wien, ensemble theater Wien, Theater des Augenblicks Wien, Theater Am Ort Oberwart. Hörspiele in Deutschland, Österreich, Ungarn und Slowenien. Diverse Bücher und Cds. Übersetzungen ins Italienische, Spanische, Rumänische, Kroatische, Französische, Ungarische, Georgische und Slowenische.

Langfilme: „Mein Engel mein Land” (unveröffentlicht), 2000/2002; „HugoHugo oder Das Auge der Götter”, 2002; „Adi Gusch!”, 2002; „Der Kurs / A Tanfolyam”, 2004; „Die eiserne Grenze”, 2004




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