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Herbstprogramm 2007


GRBAVICA: Auszüge aus dem trigon-film Mediendossier

INHALT

Die allein erziehende Esma lebt mit ihrer 12-jährigen Tochter Sara in Grbavica, einem Stadtteil von Sarajevo, in dem der Wiederaufbau nach den Jugoslawienkriegen der 90er Jahre nur langsam vorangeht. Weil Esma mit der dürftigen Unterstützung vom Staat nicht über die Runden kommt, nimmt sie eine Stelle als Kellnerin in einem Nachtclub an. Nur widerstrebend arbeitet Esma die Nächte hindurch, vor allem, weil sie dann weniger Zeit für ihre Tochter hat. Esma, die noch immer traumatisiert ist durch die gewalttätigen Ereignisse der Vergangenheit, sucht Hilfe in einer Gruppentherapie im örtlichen Frauenzentrum. Neben ihrer engen Freundin Sabina findet Esma einen Seelenverwandten in Pelda, ihrem mitfühlenden Kollegen aus dem Nachtclub.

Seit Sara, ein lebhafter Wildfang, sich eng mit ihrem Klassenkameraden Samir angefreundet hat, kommt Fussball in ihrem Leben nur noch an zweiter Stelle. Die beiden sensiblen Teenager sind sich sehr nah - beide haben ihren Vater im Krieg verloren. Samir ist jedoch erstaunt, als er hört, dass Sara nichts über den Heldentod ihres Vaters zu berichten weiss. Saras Vater wird erneut zum Thema, als Sara für einen Preisnachlass bei der anstehenden Klassenfahrt den Nachweis benötigt, dass ihr Vater ein Kriegsheld (shaheed) war und den Märtyrertod gestorben ist Esma behauptet, dass es schwierig sei, den offiziellen Nachweis zu bekommen, weil der Körper des Toten noch immer nicht gefunden wurde. Gleichzeitig versucht Esma verzweifelt, das gesamte Geld für Saras Klassenfahrt aufzutreiben. Als Saras Klassenkameraden sie damit hänseln, dass sie nicht auf der Liste der Märtyrerkinder steht, rastet Sara aus. Sie begreift, dass ihre Mutter den kompletten Preis für sie bezahlt hat und stellt sie aufgebracht zur Rede. Esma bricht zusammen und konfrontiert das Mädchen schonungslos damit, dass sie bei einer der zahlreichen Vergewaltigungen im Gefangenenlager gezeugt wurde. So schmerzhaft diese Auseinandersetzung ist: für Esma ist es der erste wirkliche Schritt zur Verarbeitung ihres tiefen Traumas. Und trotz Saras Verletztheit gibt es Hoffnung auf einen Neuanfang für die Beziehung zwischen Mutter und Tochter.

DIE REGISSEURIN

GRBAVICA ist Jasmila Žbanićs erster Spielfilm. Žbanić begann 1997 Filme zu machen, als sie die Künstlergruppe und spätere Filmproduktion "Deblokada" gründete, mit der sie eine Vielzahl von Dokumentarfilmen, Videoarbeiten und Kurzfilmbeiträgen produzierte, entwickelte oder bei denen sie Regie führte. Ihre Arbeiten wurden weltweit auf internationalen Filmfestivals und Ausstellungen präsentiert. Zu den Höhepunkten ihres künstlerischen Schaffens zählen: der Kurzfilm BIRTHDAY (Teil des Omnibus-Films LOST & FOUND), der einen Blick auf die unterschiedlichen Lebenswege zweier junger Mädchen wirft - eine von ihnen ist Kroatin, die andere Bosnierin; der 2002 entstandene Dokumentarfilm RED RUBBER BOOTS, der bosnische Mütter auf der Suche nach ihren Kindern begleitet; der Dokumentarfilm IMAGES FROM THE CORNER, eine bewegende persönliche Beschreibung einer jungen Frau, die während des Krieges schwer verletzt wurde und schmerzhaft wahrnimmt, wie ein ausländischer Fotograf Bilder von ihr macht. Žbanić wurde 1974 in Sarajevo geboren und ist Absolventin der Academy of Dramatic Arts in Sarajevo, Fakultät Theater und Filmregie. Vor ihrer Tätigkeit als Drehbuchautorin und Regisseurin arbeitete sie als Puppenspielerin in dem "Bread and Puppet" Theater in Vermont und als Clown in einem Lee De Long Workshop.

ANMERKUNG DER REGISSEURIN

Ich bin vom alltäglichen Leben fasziniert - aber verglichen mit dem Krieg kann es gewöhnlich, unaufregend, fast banal wirken. Doch wenn die Oberfläche dieses täglichen Lebens Kratzer zeigt, steigt die ganze Kraft der menschlichen Gefühle - vergangene, gegenwärtige, zukünftige - nach oben und bricht hervor.

GRBAVICA ist zuerst eine Geschichte über die LtEBE. über eine Liebe, die unrein ist, weil sie mit Hass, Abscheu, Trauma und Verzweiflung vermengt ist. Es ist auch eine Geschichte der OPFER, die - obwohl sie kein einziges Verbrechen begangen haben - immer noch nicht vollkommen unschuldig sind was kommende Generationen betrifft. GRBAVICA erzählt auch von der WAHRHEIT, einer kosmischen Kraft, die notwendig für den Fortschritt ist und die so sehr von den Menschen in Bosnien und Herzegowina gebraucht wird, um gesellschaftliche Reife zu erlangen.

DIE DARSTELLENDEN

Mirjana Karanovic ist dem internationalen Publikum insbesondere aus ihren Rollen in den Filmen von Emir Kusturica bekannt: WHEN FATHER WAS AWAY ON BUSINESS (1985), UNDERGROUND (1995) und LIFE IS A MIRACLE von 2004. Weitere filmische Stationen sind Ahmed tmamovics GO WEST, Goran Paskaljevics THE POWDER KEG/CABARET BALKAN und Mirjana Vukomanovics THREE SUMMER DAYS.

Karanovic hat außerdem in einer Vielzahl von Theater- und Fernsehproduktionen mitgewirkt, unter anderem 1988 neben Sophia Loren als Hauptdarstellerin in der amerikanischen Mini-Serie MARIO PUZO'S THE FORTUNATE PILGRIM. Karanovic wurde in Belgrad geboren, wo sie die Academy of Dramatic Arts absolvierte. Ihr Filmdebüt gab sie 1980 in Srdjan Karanovics PETRIA'S WREATH. Karanovic lebt in Belgrad und ist Professorin an der dortigen "Braca Karic" Academy of Arts. Demnächst ist sie in Andrea Stakas Spielfilm DAS FRäULEIN zu sehen.

GRBAVICA ist Luna Mojovics Schauspieldebüt. Luna wurde 1991 in Sarajevo geboren. Auch in Russland und Slowenien hat die junge Schauspielerin gelebt.

Leon Lucev ist dem internationalen Publikum insbesondere durch seine Rollen in den Filmen Vinko Bresan 1MTNESSES (2004) und HOW THE WAR STARTED ON MY LITTLE ISLAND (1998) bekannt. Weitere filmische Stationen sind Hrvoje Hribars WHAT IS A MAN WITHOUT A MUSTACHE?, Krsto Papics INFECTION und Lukas Nolas Filme CELESTIAL BODY und ALONE. Auch in vielen Theaterund Fernsehproduktionen hat Leon Lucev mitgewirkt, während der letzten sechs Jahren unter anderem in mehr als zehn Produktionen mit dem "it&d" Theater.

Lucev wurde 1970 in Sibenik, Kroatien geboren. Seine frühen Arbeiten realisierte er mit der unabhängigen Theatergruppe "Montaz Stroj" in Zagreb, bis er 1994 die Academy of Dramatic Arts besuchte.

INTERVIEW MIT Jasmila Žbanić

  1. Grbavica ist ein Wort, das Ausländern vermutlich die Zunge brechen wird. Was ist Grbavica?
    Grbavica ist ein Stadtteil, nicht weit von dem Haus, in dem ich lebe. Während des Krieges wurde dieses Gebiet von der serbisch-montenegrischen Armee besetzt und zu einem Kriegslager umgewandelt, in dem die Zivilbevölkerung gefoltert wurde. Wenn man heute durch Grbavica geht, sieht man typische Bauten aus der Zeit des sozialistischen Regimes, Einheimische, Läden, Kinder, Hunde ... und gleichzeitig spürt man, dass etwas Unausgesprochenes, Unaussprechliches, Unsichtbares da ist, dieses befremdliche Gefühl, das man hat, wenn man an einem Ort ist, der von großem, menschlichem Leid geprägt ist. Grbavica ist ein Mikrokosmos, zu dem Esma und andere Helden gehören. Aus etymologischer Sicht bedeutet das Wort „Grbavica” eine Frau mit einem Buckel. Auch, wenn es ein bisschen schwer auszusprechen ist - ich fand, dass diese unschönen Buchstaben die passende Lautmalerei für die Welt von Esma sind.
  2. Wie kamen Sie auf die Geschichte?
    Als der Krieg begann, habe ich mich gefreut, weil meine Mathe-Klausur abgesagt wurde. Als Teenager war ich hauptsächlich an Sex interessiert, oder mehr noch am Reden über Sex, am Träumen von Sex als grösste Erfüllung der Liebe. Aber 1992 war plötzlich alles anders und ich begriff auf einmal, dass ich mich in einem Krieg befand, in dem Sex als Kriegsstrategie benutzt wurde, um Frauen zu erniedrigen und damit die Vernichtung einer ethnischen Gruppe herbeizuführen! Während des Krieges wurden in Bosnien 20 000 Frauen systematisch vergewaltigt. Ich wohnte damals 100 Meter von der Front entfernt und hatte schreckliche Angst vor dieser Art des Kampfes. Seitdem wurden Vergewaltigung und die Konsequenzen daraus für mich zu einer Obsession: Ich verfolgte und las alles, was mit diesem Thema zusammenhing. Trotzdem war mir nicht ganz klar, warum ich das tat oder was ich damit anfangen wollte. Als ich mein Kind auf die Welt brachte, ein Kind der Liebe, hat die Mutterschaft in mir ein Gefühlschaos verursacht, das mich sehr schockiert hat. Ich habe mich gefragt, was für eine emotionale Bedeutung das für eine Frau haben muss, die ihr Kind im Hass empfangen hat. Ab dem Moment wusste ich, was ich von Grbavica wollte und schrieb es auf -während der Stillzeit.
  3. Sie haben Regie geführt und das Drehbuch geschrieben. Was war für Sie wichtig bei der Entwicklung der Charaktere?
    Vor einiger Zeit starb eine Person, die mir sehr nah gewesen ist. Ich stand morgens auf und putzte meine Zähne. Und ich fragte mich, ob diese Welt eigentlich noch existiert, ob es möglich ist, dass ich noch existiere und meine Zähne putze und dass alles noch am selben Platz wie gestern ist, als wäre nichts passiert. Kein Blatt sollte mehr vom Baum fallen, weil mein persönliches Leid so groß ist. Bei Esma habe ich genau so gedacht. Ihre Tragödie hat die Welt nicht davon abgehalten, sich weiter zu drehen. Ihr Leben geht weiter, sie schmiert ihrem Kind ein Pausenbrot, sie lacht und macht Witze, bügelt, benutzt die öffentlichen Verkehrsmittel ... Während ich das Drehbuch für den Film geschrieben habe, und später, als ich Regie geführt habe, habe ich die Dinge von diesem Blickwinkel aus betrachtet. Christine Maier, die Kamerafrau, und ich wollten, dass die Kamerabewegung und die Bildkomposition undramatisch sein sollten, um uns in diese Alltagswelt zu führen, unter deren Oberfläche Vulkane lodern. Wir sind so nah an Esma dran, wie sie es uns erlaubt, auf der Distanz, auf der sie uns halten will. Außerdem war es uns wichtig, Sarajevo als einen der Charaktere zu zeichnen.
  4. Dem internationalen Publikum ist Mirjana Karanovic wahrscheinlich am ehesten aus ihren Rollen in den Filmen von Emir Kusturica bekannt. Hatte sie möglicherweise längere Zeit keine Rolle, in der sie ihr volles Schauspieltalent und ihr Charisma zum Ausdruck bringen konnte?
    Mirjana ist eine großartige Künstlerin. Sie ist wie ein geheimnisvolles Instrument, das jede Regung der menschlichen Seele wiedergibt und das durch jeden Misston, selbst den kleinsten, verletzt wird. Sie spielt immer in mehr als nur einer Dimension. Wenn man so möchte, ist Esma eine Frau, die ein Geheimnis in sich trägt. Ihr Leben baut auf einer Lüge, fast alles, was sie sagt, hat eine völlig andere Bedeutung. Mirjana hat viele verschiedene Farben. Ich habe viel von ihr gelernt, je mehr ich mit ihr arbeite, desto mehr verehre ich sie. Einer meiner liebsten Filme von Emir Kusturica ist "When Father Was Away on Business", in dem Mirjana die Mutter Sena dargestellt hat. Wenn wir diese beiden Figuren vergleichen, die Mirjana spielt, die eine aus der Zeit des Sozialismus, die andere von heute, können wir den Wandel erkennen, der innerhalb einer Gesellschaft und einer Frau im Land vor sich gegangen ist.
  5. Allen Darstellern, auch denjenigen von kleineren Rollen, scheinen Sie die Möglichkeit gegeben zu haben, sie zum Strahlen zu bringen.
    Grbavica ist zuallererst ein Schauspielerfilm. Mir war klar, dass ich diesen Film nur mit großartigen Schauspielern zum Leben erwecken konnte. Das gilt ganz besonders für die Figuren der Mutter und der Tochter. Deshalb haben wir uns sehr viel Zeit für das Casting genommen. Zum Beispiel sind wir von Schule zu Schule gezogen und haben über 2000 Kinder interviewt. Dann haben wir eine engere Wahl aus 200 Kindern vorgenommen, mit denen ich persönlich gesprochen habe und daraus haben wir dann 20 Kinder ausgewählt, mit denen wir sieben Tage lang gearbeitet haben - um heraus zu finden, weiches der Kinder Schauspieltalent hat, aber auch die Fähigkeit zur Weiterentwicklung, zur Konzentration und dem Aufnehmen von Hinweisen. Was die anderen Schauspieler betrifft, haben wir nach einer langen und sorgfältigen Auswahl viele Proben gemacht, teilweise an den Originialdrehorten, damit sich die Schauspieler an die Welt gewöhnen konnten, die wir kreieren wollten. Was mich glücklich gemacht hat - abgesehen davon, dass die Schauspieler absolute Profis waren - ist, dass sie ihren Figuren, das Drehbuch und das Team sehr gemocht haben. Jeder wollte das Beste von sich geben. Für mich waren sie eine große Unterstützung.
  6. Wie ist es, mit Kindern zu drehen?
    Die 13 jährige Luna Mijovic (die Sara spielt), der 14-jährige Kenan Catic (der den Samir spielt) und die anderen jungen Schauspieler sind nicht wie Kinder behandelt worden, sondem als gleichwertige Partner unseres Projekts. Und genauso haben sie auch ihre Rollen verstanden: sie waren sehr ernsthaft, verantwortungsvoll und kreativ. Und abgesehen von dieser professionellen Seite, hat sie das ganze Team geliebt. Sie haben gespürt, dass sie unsere volle Unterstützung haben.
  7. Stimmt es, dass sich Luna während der Dreharbeiten das Bein gebrochen hat?
    Leider ja. Wir drehten gerade die Szene, in der Sara mit Samir Fussball spielt. Wegen eines falschen Bombenalarms auf das OHR Gebäude (The Office of High Representative) in der Nähe unseres Drehorts waren wir mit dem Drehen spät dran. Unsere Lkws mussten durch die halbe Stadt fahren, die Schauspieler kamen zu spät und alles fing ziemlich chaotisch an. Wir hatten vorher einige Takes auf dem harten Schnee abgedreht. Mittlerweile fing der Schnee an zu schmelzen und Luna rutschte mit ihrem Bein im Schnee aus. Kenan fiel über sie drüber und ... krach. Die Tonleute monierten, sie hätten das Geräusch von brechenden Knochen gehört. Es war schrecklich. Lunas Bein schmerzte sehr und ich machte mir schlimme Vorwürfe, noch dazu hatte ich schon einen guten Take und wollte noch einen! Wir haben den Dreh abgebrochen und zwei Monate später weitergemacht, nachdem Lunas Bein geheilt und sie bereit war, wieder zu drehen. Der Frühling stand vor der Tür... einige der Schauplätze mussten geändert werden, damit wir den Film schneiden konnten. Für die Fussballszene, die wir teils im März mit Schnee und teils im Mai gedreht haben, mussten wir beim Abstand der Kinder zum Gebäude ein bisschen „schummeln", um die Blüten zu verstecken.
  8. Musik und Lieder spielen eine wichtige Rolle in Ihrem Film. Einige Lieder tauchen an sehr prominenten Stellen auf: der Film beginnt mit einem Ilahija und hört mit einem Hit aus den 70ern auf. Dazwischen sind verschiedene Turbo Folk Hits zu hören.
    Esmas Innenleben ist nonverbal und drückt sich am besten über Musik aus, sie übernimmt eine dramatische Funktion. (lahijas, das sind Lieder, die Gott gewidmet sind, haben ihre Gefühle ausgedrückt und Esma dazu gebracht, zu reden. Im Gegensatz zur Sensibilität der Ilahijas steht die aggressive und rücksichtslose Turbo Folk Music, die heute charakteristisch für den Balkan ist. (Turbo Folk Music ist ein Musikgenre, das ursprünglich aus Serbien kommt. Sie war der vorherrschende Stil während der ära Milosevic und wird häufig mit den Attributen Krieg, Mafia und Macho-Kultur assoziiert, die diese Zeit begleitet hat. Auch heute noch ist dieser Musikstil weit verbreitet.) In anderen Szenen wird Musik eingesetzt, um Esmas und Saras Gefühle zu kontrastieren, oder die Musik ist Teil ihrer Umgebung. Der Film endet mit dem bekannten Lied "Sarajevo, My Love", das häufig auf Klassenfahrten gesungen wird. Es ist euphorisch und steht im Kontrast zu den Gefühlen von Sara. Sobald Sara mit den anderen mitsingt, fühlt sie sich zugehörig. Der Liedtext ist ein Hinweis auf Saras Rückkehr, obwohl ich das Ende ambivalent halten wollte.
  9. Obwohl die Geschichte von Esma und Sara im Grunde traurig ist, ist sie gleichzeitig sehr optimistisch. Ist es möglich, dass es gegenüber dem Vater von Sara eine versteckte Möglichkeit der Vergebung gibt?
    Ich glaube, dass zuerst die Kriegsverbrecher Reue zeigen müssen, damit die Opfer vergeben können. Eines der Probleme von Bosnien-Herzegowina ist, dass nicht gerade viele Leute Reue für das empfinden, was passiert ist. über 1Q(} 000 Menschen wurden getötet, eine Million Menschen wurde vertrieben - und es gab bisher kaum Reue. Auf der anderen Seite ist es sehr interessant, dass Rache fast gar nicht existiert, was ein großer Verdienst dieser Gesellschaft ist. Ich glaube, dass Esma weder über Vergebung noch über Rache nachdenkt. Sara ist ein Opfer, aber auch eine Mahnung an das Verbrechen. Unsere Zukunft speist sich aus der Anerkennung beider Komponenten, weil beide zu uns gehören. Sie sind ein Teil von uns.
  10. Wie sind die Arbeitsbedingungen für ein Filmprojekt in Bosnien-Herzegowina?
    Bosnien-Herzegowina ist das einzige Land in Europa, das keine 35 mm Kamera und kein Filmlabor hat. Diese absurde Tatsache ist symptomatisch für das Filmemachen in Bosnien. Uns fehlen eine Menge Profis und wir versuchen, das mit Teammitgliedem aus anderen Teilen Ex-Jugoslawiens auszugleichen oder - wie in diesem Fall - durch Co-Produktionen mit anderen Ländern. Aber ich glaube, dass der immense Bedarf, unsere Geschichten zu erzählen, alle Mängel überwinden wird.

GEDANKEN ZUM FILM

Es war eine ebenso große wie gelungene überraschung, als am Ende der Berlinale 2006 die Jury unter dem Vorsitz der britischen Schauspielerin Charlotte Rampling dem bosnischen Film Grbavica den Goldenen Bären zusprach. Gründe dafür gab es genügend. «Wenn man an die Zukunft des Kinos glauben will, muss man an Filme wie Grbavica glauben», hatte Andreas Kilb bereits in der FAZ geschrieben. In der Tat schafft es die junge Bosnierin, unspektakulär, aber hochsensibel eine Geschichte für die Kinoleinwand zu inszenieren, die mit dem Leben zu tun hat, und eine Form zu finden, die das Lokale universell macht, die das Menschliche in den Vordergrund stellt. Ein kleiner Film, vergleichsweise, aber eine großartige Geschichte, die uns wieder einmal vor Augen führt, dass die wirklich berührenden Geschichten verwurzelt sind und ihre Kraft aus dem Humus vor Ort beziehen. Dies in einer Zeit, und darauf spielte die Anmerkung in der FAZ natürlich auch an, in der viel Heimatloses ins Kino gelangt - auch und gerade Heimatloses aus Süd und Ost, leer finanziert und leer abgeschliffen aus Nord und West.

Esma lebt mit ihrer 12-jährigen Tochter Sara allein im Nachkriegs-Sarajevo. Sara möchte auf einen Schulausflug gehen. Esma nimmt einen Job als Kellnerin in einem Nachtclub an, um das Geld für den Ausflug aufzubringen. Sie will, was jede Mutter möchte: Nicht nur das Beste für ihre Tochter, sie will

auch, dass ihre Tochter all das haben kann, was andere haben können. Die quirlige Sara freundet sich mit Samir an, der wie sie selber keinen Vater hat. Beide Väter sollen als Kriegshelden gestorben sein, heisst es. Aber Samir ist verwundert, dass Sara nicht weiss, wie genau ihr Vater starb. Wenn Mutter und Tochter das heikle Thema ansprechen, gibt Esma ausweichende Antworten.

Die Situation verkompliziert sich, als von der Schule aus angeboten wird, die Kinder von Kriegshelden könnten am Ausflug kostenlos teilnehmen. Nun erklärt Esma ihrer Tochter, dass der Leichnam ihres Vaters nie gefunden wurde und sie daher die Bescheinigung nicht habe. Sie versucht nun, das nötige Geld von ihrer Freundin Sabine, ihrer Tante und ihrem Chef im Nachtclub zu leihen. Sara wird das Gefühl nicht los, dass etwas nicht stimmt an dieser Geschichte. Und sie stellt, wie Kinder das an sich haben, weiter Fragen. Grbavica lässt uns einfach zuschauen und über die ausgesprochen exakte und lebensnahe Beschreibung langsam erkennen. Die Geschichte ist zunächst eine ganz alltägliche, wie wir sie rund um die Welt antreffen können: Eine Mutter lebt mit ihrer Tochter allein erziehend in einer Stadt. Die beiden verstehen sich gut, machen manchmal freundschaftlich gemeinsame Sache, aber immer wieder scheinen auch die Konflikte auf, die zwischen einer Mutter und einer Tochter so entstehen können. Bei ihnen kommt dazu: Ein verspielter Moment kann bei den beiden ohne Vorwarnung in einen Schmerz kippen, der ahnen lässt, dass es da Wunden gibt, die höchstens an der Oberfläche verheilt sind. Mirjana Karanovic, die großartige Kusturica-Schauspielerin, und Luna Mijovic, die junge Entdeckung dieses Films, verkörpern die beiden Figuren still und großartig. Ihre Präsenz ist eines der kleinen Ereignisse, die Grbavica so groß machen. Ein anderes: Jasmila Žbanić führt uns an einen Punkt des Begreifens dessen, was Kriege hinterlassen, warum sie nie eine Lösung sind.

Walter Ruggle

ZUR GESCHICHTE BOSNIEN-HERZEGOWINAS

Der Staat Bosnien-Herzegowina besteht seit dem Friedensabkommen von Dayton 1995 aus zwei Teilen, so genannten „Entitäten", der Föderation Bosnien und Herzegowina und der Serbischen Republik. Hauptstadt ist Sarajevo mit rund 350'000 Einwohnern. In Bosnien-Herzegowina leben rund 3,7 Millionen Menschen, wovon ca. 44% Bosniaken, 32% Serben und 17% Kroaten sind. Die restlichen 7% gehören zu anderen ethnischen Gruppen wie z.Bsp. zu Montenegrinern, Albanern, Slowenen, Makedonen, Türken oder zu den Roma. Nach dem Zerfall Jugoslawiens wurden die verschiedenen Dialekte als eigene Sprachen anerkannt. Landessprachen BosnienHerzegowinas sind Bosnisch, Serbisch und Kroatisch. Bosnisch ist linguistisch gesehen weitgehend identisch mit dem Serbischen und Kroatischen (früher zusammengefasst als "Serbokroatisch") und weist im Gegensatz zu den letzteren eine hohe Anzahl von Lehnwörtem aus dem Türkischen auf. Bosnisch und Kroatisch werden mit lateinischem Alphabet geschrieben, während fürs geschriebene Serbisch das kyrillische Alphabet verwendet wird.

Chronoloqischer Abriss

6./. Jhd.Slawische Einwanderung in das Gebiet Bosnien und Herzegowinas
1180Bosnisches Fürstentum unter Ban Kulin. Er duldet religiöse Bewegung der Bogomilen, die in anderen Gebieten des westlichen Balkans als Ketzerbewegung verfolgt wird.
1353-1391Blüte des bosnischen Fürstentums unter König Tvrtko 1.
1463Großteil Bosniens unter türkischer Herrschaft; Konversion bogomilischer Bevölkerungsgruppen zum Islam.
1481Herzegowina unter türkischer Herrschaft
1580Vereinigung Bosniens und Herzegowinas zu einem "Paschaluk"
um 1700Stabilisierung der Grenzen zwischen dem Osmanischen Reich ("bosnischer Paschaluk") und der Habsburger Monarchie
1839Auflösung der Selbstverwaltung Bosniens nach anti-türkischen Aufständen der feudalen islamischen Oberschicht.
1878Besetzung Bosniens durch österreich-Ungarn infolge des BerlinerKongresses
1908Annexion Bosnien-Herzegowinas durch österreich-Ungarn
1912/13Balkankriege: Serbien versucht vergeblich, sich stärker in Bosnien und Herzegowina zu etablieren
28.06.1914Ermordung des österr.-ungar. Thronfolgerpaares durch den serbischen Nationalisten Gavrilo Princip in Sarajevo
1918Bosnien-Herzegowina wird Teil des neuen Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen
1929Proklamation des "Königreichs Jugoslawien"; Diktatur König Alexanders
1939"Sporazum": Serben und Kroaten vereinbaren die Teilung Bosnien und Herzegowinas in serbisch und kroatisch dominierte Banovinas (Cvetkovic-Macek)
1941Deutsche und italienische Truppen besetzen Jugoslawien; Bosnien und Herzegowina wird in den faschistischen "Unabhängigen Staat Kroatien" eingegliedert.
25.11.1943Konstituierung der "Volksrepublik Bosnien-Herzegowina" (NRBiH)
29.11.1943Proklamierung der „Föderativen Volksrepublik Jugoslawien” (FNRJ)
1963Neue bosnische Verfassung: Muslime werden erstmals als eigenes „Volk” aufgeführt
1971Volkszählung: Muslime können sich erstmals offiziell als „Muslime im Sinne einer Nation” registrieren (ca. 800.000 tun dies)
1974Neue Bundes(SFRJ)- und Republikverfassungen: starke Tendenz zur Dezentralisierung
1980Tod Titos
Sommer 1991Zerfall Jugoslawiens
1.3.1992Referendum: bosnische Muslime und Kroaten stimmen mehrheitlich für Unabhängigkeit, die meisten Serben boykottieren die Abstimmung; In der Folge suchten zunächst die bosnischen Serben, ein Jahr später auch die bosnischen Kroaten (in der Herzegowina) möglichst große Landesteile unter ihre Gewalt zu bringen, um sie letztlich dem jeweiligen „Mutterland” einzuverleiben (ca. 278.000 Tote und Vermisste, 1,325 Mio. Flüchtlinge und Vertriebene)
6.4.1992Anerkennung der Republik Bosnien und Herzegowina durch die USA und EU-Mitgliedstaaten
18.03.1994Bosnier und Kroaten unterzeichnen in Washington den Vertrag zur Bildung einer „Föderation von Bosnien-Herzegowina”
14.12.1995Unterzeichnung des Daytoner Friedensvertrags in Paris: einheitlicher und politisch unabhängiger Gesamtstaat BosnienHerzegowina (BiH), bestehend aus Föderation von BiH (FBiH) und Republika Srpska (RS).


GRBAVICA: Auszüge aus dem trigon-film-magazin nr. 34

MUTTER UND TOCHTER IN SARAJEVO - HEUTE

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DAS UNSICHTBARE WAHRNEHMBAR MACHEN

Die Bilder, die die Bosnierin Jasmila Žbanić und ihre östereichische Kamerafrau Christine Maier aufgenommen haben, erzählen unaufdringlich von einem Alltag, in dem vieles innen bleibt, was außen geschah. Und es ist irgendwie bezeichnend, dass die Politik in Bosnien tat, was die Politik auch anderswo getan hätte: Sie akzeptierte nach dem Krieg Opfer mit äußeren Wunden als Kriegsopfer, nicht aber Opfer, deren Wunden nicht sichtbar waren. Man spricht von bis zu 20000 vergewaltigten Frauen im Bosnienkrieg, systematisch und mit mitunter unbeschreiblicher Brutalität vergewaltigten Frauen. Kann man darüber einen Film drehen? Kann man darüber reden?

Die junge Bosnierin Jasmila Žbanić hat es gewagt, und sie hat etwas ganz Entscheidendes gemacht: Sie lässt das, was innen ist, innen ruhen. Wir können es sehen, wahrnehmen, aber es bleibt nicht auf eine falsche Art gestört. Und sie verzichtet darauf, das, was außen war, zu zeigen. Um so stärker öffnet sie uns die Sinne für die verborgenen Wunden, die ein jeder Krieg hinterlässt und die noch lange nicht verheilt sind, wenn die Waffen wieder schweigen.

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DIE KAMERA ÖFFNET INNENSPHÄREN

Die Einstiegseinstellung in den Film ist eine sanft schwebende Kamerafahrt mit Schwenk nach rechts über einen Teppich zunächst, dann über Frauenhände, Gesichter, schlafende, in sich versunkene Frauen. Eine in Grau öffnet die Augen zur Kamera. Es folgt in der nächsten Szene harte Turbofolkmusik aus dem Balkan, und wir erkennen die Frau von davor wieder, die nun in einem Nachtclub jemanden sucht. Das erste Wort, das in Grbavica gesprochen wird, ist «Fuck». Ein alltäglicher männlicher Fluch. Der Chef des Etablissements lebt in einer anderen Welt als die Frau, die da bei ihm eine Arbeit sucht. Wenn er sie fragt, ob sie Kinder habe, dann müsste er die Antwort schon gar nicht abwarten, sie interessiert ihn nicht wirklich, er selber weiss: «nur Verrückte haben Kinder heute.»

«DER TITEL GRBAVICA DARF KRATZEN.»
EIN GESPRÄCH MIT DER FILMEMACHERIN JASMILA ŽBANIĈ

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Du hast die Rolle der Männer in politischen Belangen erwähnt mir scheint, so sehr das ein Film über Frauen ist, so sehr ist es auch ein Film über Männer...
(schmunzelt)

...oder über eine gewisse Art von männlichem Gehabe. Du hast eine klare Vorstellung, zeichnest sie sehr präzis, zeigst dabei aber auch, wie verletzlich sie auch sind. Pelda zum Beispiel - was ist er für dich?
Mir war es wichtig zu zeigen, was mit Esma geschah, wenn sie ihre intime Welt innerhalb ihrer vier Wände hat. Für sie war alles, was sich außerhalb der vier Wände befand, immer beängstigend: Die Straßen, die Bars, sogar die Therapie. Sie bemühte sich darum, ihr Geheimnis für sich zu behalten, ja sie war bereit, alles dafür zu tun, es nicht preisgeben zu müssen. Sie würde sogar an den übelsten Platz gehen, um die Tochter zu schützen. Für sie war diese America Bar so ein Ort, und ich wollte diesen Typus Bar im Film haben. Ich muss gestehen, die ist sehr realistisch. Ich habe da recherchiert und war erstaunt darüber zu entdecken, wie aggressiv die Leute sich an solchen Orten aufführen.

Diese Aggression, dieses nicht unter Kontrolle haben von Emotionen und das Rauslassen der primitivsten Dinge: Das ist nicht nicht in Verbindung mit dem Krieg, aber das dauert an und das ist klar männlich dominiert. Die America Bar zeigt auch diese neue Art von reichen Leuten, die die neue Art von Kapitalismus repräsentieren. Das ist Kapitalismus in seiner ersten Form, seiner wildesten, seiner primitivsten Form, verbunden mit dem speziellen «Balcan Flavour». Auch einen deutschen Soldaten in der Bar zu zeigen mit der ganzen Aggressivität war für mich wichtig, um klar zu machen, dass dieses männliche Verhalten nicht nur eine bosnische Angelegenheit ist: Das ist universell.

Auf der anderen Seite haben wir Pelda, der sehr gefühlsbetont ist in bezug auf seine Mutter und zu Frauen, aber er versucht nach dem Krieg eine Art von Komfort zu finden. Er hat seinen inneren Kompass während dem Krieg verloren und ist richtungslos. Er würde einen Job annehmen in einem solchen Club, weil er Geld braucht für was auch immer. Er würde das auf dem bequemsten und dem einfachsten Weg machen. Sein sich Absetzen nach österreich ist ja auch eine Flucht, der einfachste Weg. Das zeigt auch, wie kindisch er ist in gewisser Hinsicht.

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Hinweis: Das trigon-film Magazin erscheint vier mal jährlich und kostet € 5,- pro Ausgabe oder € 20,- im Abonnement inklusive Zustellung. Mitglieder des Vereins trigon-film erhalten das Magazin gratis.




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